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 Kampf dem "akustischen Müll"

 

Mietermagazin, März 1999

 

Rainer Bratfisch "Die Ruhe ist wohl das Beste von aller Erden Glück", konstatierte Theodor Fontane in seinem Roman "Unwiederbringlich". In den über hundert Jahren, die seitdem vergangen sind, hat sich auch der Lärm verhundertfacht. Die akustische Umweltverschmutzung kostet Millionen. Daß Lärm krank machen kann, ist wissenschaftlich erwiesen. "Dieser unangenehme Schall schädigt nicht nur das Gehör, sondern auch das Herzkreislauf-, Nerven-, hormonelle und Immunsystem des Menschen", stellt Prof. Karl Hecht vom Institut für Streßforschung in der Chausseestraße fest. Bei einem Lärmpegel von über 70 Dezibel (dB) steigt bereits das Risiko eines Herzinfarktes. "Jährlich sterben in Deutschland an den unmittelbaren Folgen von Lärm 20 000 Menschen", umreißt Karl Hecht das Problem. Inzwischen ist Lärm als gesundheitsbeeinträchtigender Umweltfaktor auch offiziell anerkannt. Die ehemalige Umweltministerin Angelika Merkel beriet im vergangenen Jahr mit kompetenten Vertretern der Lärmforschung und Lärmmedizin Maßnahmen und Programme gegen die "akustische Umweltverschmutzung" - passiert ist bisher allerdings nichts. Ein Antrag an die Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus anläßlich des Internationalen Lärmschutztages, eingebracht von der "Arbeitsgemeinschaft NoNoise" und der Schöneberger "Initiative gegen akustische Umweltverschmutzung", feiert im nächsten Monat sein einjähriges Jubiläum - allerdings ohne eine Antwort. Die Antragsteller verwiesen darin auf das Beispiel New York, wo eine Ruhe-Verordnung mit Strafen für rücksichtslose Lärmer beschlossen wurde. 34 Lärminspekteure können dort drakonische Bußgelder verhängen: Ein Hund, der nicht aufhört zu bellen, kostet 525 Dollar. Ein Motorradfahrer, der seiner Harley Davidson nicht die Flüstertöne beibringt, muß 4200 Dollar blechen. Der "Noise Awareness Day" ist in den USA inzwischen zu einer festen Einrichtung geworden. In Berlin engagieren sich vor allem die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Umweltschutz und Technologie und die "Gesellschaft für Lärmbekämpfung e.V." gegen den tagtäglichen Lärm - und Ute Becker von NoNoise und Elfriede Deuter von der Initiative gegen akustische Umweltverschmutzung Ute Becker startete ihren "großen Lautangriff" vor sieben Jahren - gegen Geräuschquellen von A wie Alarmanlagen bis Z wie Zahnarzt. In ihrer Liste der Lärmverursacher fehlen auch Kriege, Feste und Restaurants nicht - und auch nicht der "schreiende, grölende, brüllende, kreischende Mensch selbst". Verbieten lassen sich diese Lärmer nicht, und so appelliert Frau Becker - mal mehr, mal weniger essayistisch, aber immer mit liebenswerter Geduld - an die Vernunft. Mit ihrer äußerst produktiven "Werkstatt Lilith" fungiert sie auch als "Ghostwriterin" für Elfriede Deuters Initiative, die sich bereits seit acht Jahren für weniger Hundegebell, für ein SoFöLäMaWo (Sonderprogramm zur Förderung lärmisolierender Maßnahmen im Wohnbereich) und gegen den "Schadstoffcharakter von Musikresten", die rücksichtslose Nachbarn in ihre Umwelt entsorgen, engagiert. Schade nur: der Vertrag mit dem Nachbarschaftsheim Schöneberg in der Fregestraße wurde nicht verlängert, jetzt sucht die Initiative einen neuen Tagungsort - und neue Mitstreiter. Der Eifer, mit dem die beiden Damen, die sich demnächst vielleicht mit den Grauen Panthern verbünden wollen, für ihre Sache streiten, mag Außenstehenden vielleicht etwas überspitzt erscheinen, aber etwas zu viel Engagement ist immer noch besser als gar keins. Sicher, auch die neue 6. Allgemeine Verwaltungsvorschrift zum Bundes-Immissionsschutzgesetz - besser bekannt als TA Lärm - legt exakte Grenzwerte für die alltägliche Beschallung fest. Sie müßten nur noch eingehalten werden. Bis dahin sollte jeder darauf achten, möglichst wenig "akustischen Müll" zu produzieren.

Kontakte:
Elfriede Deuter (40 54 19 82, Gesellschaft für Lärmbekämpfung e.V., Auskünfte Montag bis Freitag 10 bis 13 Uhr: ( 301 56 44, Institut für Streßforschung, ( 28 59 90 29 und ( 30 87 88 14)

Schlagwörter:
Lärm, Belästigung, Forschung, Medizin, Pegel, Dezibel, Umwelt, TA-Lärm, Grenzwerte, Gehör, Krankheit, D


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