Berliner Zeitung, 24.03.1999, S. 33
Projektentwickler korrigiert frühere Aussagen / Raumordnungsverfahren Ende März abgeschlossen
Von Veiko KunkisDas Raumordnungsverfahren für den geplanten Bahntestring bei Hennigsdorf (Oberhavel) soll in den nächsten Tagen abgeschlossen werden. Der Projektleiter des mit der Planung beauftragten Unternehmens Projektentwicklungsgesellschaft Bahntechnik Berlin Brandenburg GmbH (GBT), Dieter Hoffmann, geht von einem positiven Entscheid der Gemeinsamen Landesplanungsabteilung aus. "Es wird Auflagen geben, aber wir rechnen mit grünem Licht für das Projekt", sagt er. Das Ergebnis des Raumordnungverfahrens soll laut Hoffmann am 29. März verkündet werden.
Irritationen durch Protokoll
Westlich von Hennigsdorf soll auf einer Fläche von 66 Hektar eine Teststrecke für Schienenfahrzeuge aller Art entstehen. Zwei durch eine doppelgleisige Gerade verbundene Ringe sollen Geschwindigkeiten bis zu 250 Stundenkilometer zulassen. In den in unmittelbarer Nähe des geplanten Ringes liegenden Gemeinden Bötzow, Wansdorf, Pausin und Schönwalde gibt es Widerstand gegen das Projekt. Anwohner fürchten neben der zu erwartenden Lärmbelästigung eine Entwertung ihrer Grundstücke. Eine Bürgerinitiative in Bötzow hat angekündigt, gegen den Testring zu klagen.
Für Irritationen sorgte zudem ein Gesprächsprotokoll, nach dem die Zahl der zu erwartenden Arbeitsplätze von rund 1900 auf 25 reduziert worden ist. Das Protokoll war während eines Gespräches zwischen Vertretern der Bürgerinitiative in Bötzow und der GBT entstanden. Danach hat der GBT-Geschäftsführer Christian Ehler die Zahl der bisher für Testring und Gewerbepark Bahntechnik prognostizierten 1900 Arbeitsplätze als "unzutreffend" bezeichnet. Diese Zahl sei "leichtfertig behauptet" worden.
Der Projektleiter Dieter Hoffmann bestätigte gegenüber der "Berliner Zeitung", daß es bei der öffentlichen Darstellung des Projektes Korrekturen gab. "Wir wollen unsere Glaubwürdigkeit nicht verlieren", so Hoffmann. In der Tat würden im eigentlichen Prüfzentrum nur etwa 25 Arbeitsplätze entstehen. Zwar sei mit der möglichen Ansiedlung von Zulieferfirmen der Bahnindustrie in entstehenden Gewerbegebieten am Ring zu rechnen, doch könne keine sichere Prognose über die Zahl der zu erwartenden Arbeitsplätze gemacht werden, so Hoffmann. "Wichtiger ist doch in der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation vor allem, daß die rund 3000 Arbeitsplätze in der Bahnindustrie am Standort Hennigsdorf und die 10 000 in der Region Berlin-Brandenburg langfristig gesichert werden." Eine mögliche Auslagerung von Teilen der Produktion ins Ausland müsse verhindert werden, so Hoffmann.
Die Finanzierung des Projektes ist noch nicht gesichert. Die Investitionskosten ohne Grunderwerbskosten belaufen sich laut Hoffmann auf knapp 300 Millionen Mark. Fördermittel in Höhe von 200 Millionen Mark sind bei der Investitions- und Landesbank beantragt. Sie sollen aus dem Fonds der Gemeinschaftsaufgabe zur Förderung der regionalen Infrastruktur kommen.
Gegner kämpfen weiter
"Absehbar" ist laut Hoffmann inzwischen eine Unterstützung durch die Schienenfahrzeugindustrie, die sich lange in Zurückhaltung übte. Adtranz, die Deutsche Waggonbau AG und Linke-Hoffmann-Busch sollen angekündigt haben, den Ring nutzen zu wollen. Auch Siemens werde im Hochgeschwindigkeitsbereich auf Hennigsdorf zurückgreifen. Zumindest bei Adtranz gebe es "eine positive Richtungsentscheidung", die auf eine finanzielle Beteiligung schließen lasse.
Auch die Gegner des Testringes gehen inzwischen davon aus, daß das Raumordnungsverfahren positiv entschieden wird. Vertreter von Bürgerinitiativen hatten sich mit Mitarbeitern der Landesplanungsabteilung getroffen und unter anderem darauf hingewiesen, daß das Projekt in einem Landschaftsschutzgebiet realisiert werden soll und nicht umweltverträglich sei. Da sei aber schon spürbar gewesen, daß die Planungsabteilung hinter dem Projekt steht, sagt Arthur Miethke, einer der Ring-Gegner aus Wansdorf. "Aber wir kämpfen weiter gegen den Ring", sagt er.
Prüfring
Teststrecke für Lokomotiven und Wagen
Der Ostring (3,5 km) soll mit bis zu 100 km/h von U-, S- und Straßenbahnen befahren werden.
Der Westring (8 km) soll mit bis zu 160 km/h Lokomotiven, Wagen und Neigetechnik-Fahrzeugen dienen.
Eine Schleife aus allen Streckenteilen soll von Hochgeschwindigkeitsfahrzeugen mit bis zu 250 km/h befahren werden.
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