Berliner Zeitung, 20.05.1999, S. 25
Bürgerinitiative sieht Zusammenhang zwischen Einflugschneisen und schlechter Sozialstruktur
Von Andreas KopietzIn den Gebieten, die in Einflugschneisen der Stadtflughäfen Tegel und Tempelhof liegen, hat sich die Sozialstruktur in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Diese Auffassung vertritt die "Bürgerinitiative gegen das Luftkreuz auf Stadtflughäfen". Sie vermutet, daß Fluglärm, Schadstoffe und erhöhtes Absturzrisiko schuld sind.
Die Mitglieder der Bürgerinitiative werteten die Daten des Sozialstrukturatlas aus, der im vergangenen Jahr durch die Senatsgesundheitsverwaltung herausgegeben wurde. Im Vergleich zur selben Untersuchung vier Jahre zuvor haben von 23 Bezirken acht ihre Positionen verschlechtert. Fünf dieser Bezirke liegen direkt in den Einflugschneisen beider Flughäfen. "Spandau und Reinickendorf haben ihre Position geradezu dramatisch verschlechtert", sagt Initiativen-Sprecher Johannes Hauenstein. Er fordert von der Stadtentwicklungsverwaltung Konsequenzen. Senator Peter Strieder (SPD) hat die zu Papier gebrachten Erkenntnisse mit der Bemerkung "interessanter Hinweis" an seine Fachabteilung weitergeleitet. Strieder-Sprecher Joachim Günther: "Wir vergleichen das gerade mit unseren Daten."
Die Sozialstruktur wird unter anderem nach dem Bildungsstand der Bevölkerung, dem Anteil der Sozialhilfeempfänger und dem Haushaltsnettoeinkommen berechnet. Hauensteins Fazit: Wer es sich leisten kann, zieht aus den Einflugschneisen weg ins Umland oder an den Stadtrand. Wer nachkommt, stammt oft aus schwierigen Verhältnissen." Daß zu den problematischen Gebieten laut dem Atlas Teile von Neukölln, Tempelhof und Wedding zählen, ist Hauenstein zufolge nicht verwunderlich. Denn dort düsen die Jets und Propellermaschinen direkt über die Dächer. Im Sozialstrukturatlas ist Berlin in 336 Abschnitte, sogenannte Verkehrszellen, gegliedert. Beispielsweise befindet sich die Leinestraße nahe dem Flughafen Tempelhof auf Rang 317. Sie zählt neben dem Gebiet um das Rathaus Neukölln zum am meisten strapazierten Gebiet. "Es ist auffällig, daß die Verkehrszellen mit der schlechtesten Sozialstruktur fast ausnahmslos in unmittelbarer Nachbarschaft des Flughafengeländes liegen", so Hauenstein.
In Tegel gibt es zu Spitzenzeiten mehr als 400 Starts und Landungen pro Tag. Während vom Tegeler Fluglärm laut Flughafen-Holding 120 000 Menschen betroffen sind, spricht die Bürgerinitiative von 390 000, die 75 Dezibel Krach aushalten müssen. "Wenn endlich feststünde, daß die Flughäfen im Jahr 2007 geschlossen werden, dann würde das die Entwicklung stoppen", sagt Hauenstein. "Viele würden die paar Jahre dann auch noch aushalten."
Fluglärm: Reinickendorf unbeliebt
390 000 Menschen sind laut "Initiative gegen das Luftkreuz" vom Fluglärm durch Tegel und Tempelhof betroffen.
Im Sozialindex der 23 Bezirke fiel Reinickendorf von Rang 5 auf Platz 11, Spandau von Rang 10 auf Rang 15. In den Bezirken sind Enflugschneisen.
Anwohner sagen, der Fluglärm sei schuld.
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